Ein edler Holzstempel mit Goldrand liegt auf der Seite und zeigt die Stempelplatte mit dem gespiegelten Wort ‚ABGESTEMPELT‘. Im Vordergrund steht das Wort lesbar in grauer Stencil-Schrift.

Eine Frankfurter Studie zeigt: Vorurteile durch medizinisches Personal halten Menschen mit Suchterkrankungen von medizinischer Hilfe ab.

Eine aktuelle Studie aus Frankfurt zeigt: Nicht mangelnde Therapiebereitschaft, sondern die Stigmatisierung durch medizinisches Personal ist der Grund, warum viele Menschen mit Suchterkrankungen keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Abwertende Blicke, Sprache und Strukturen im Gesundheitssystem wirken dabei wie Barrieren. Die von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Frankfurt geleitete Studie weist auf ein strukturelles Problem hin, das das gesamte Gesundheitssystem betrifft.

  • Fast 50 Prozent der Befragten verschwiegen ihren Substanzkonsum,
  • 36 Prozent mieden medizinische Hilfe trotz akuter Erkrankung,
  • 29 Prozent brachen Behandlungen aus Angst vor Stigmatisierung ab.

Dieses sogenannte »professionelle Stigma« betrifft nicht nur die Suchtmedizin, sondern stellt ein Risiko für die Patientensicherheit in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung dar – von der Notaufnahme bis zur hausärztlichen Praxis.

Die Verantwortung für Veränderung liegt bei uns, beim medizinischen Personal.«
Dr. Mathias Luderer, Erstautor der Studie und Leiter der Suchtmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt

Es braucht eine neue Haltung, eine andere Kommunikation – und die klare Abkehr von der Vorstellung, Suchterkrankungen seien ein moralisches Versagen.

»Wir setzen damit auch ein Zeichen für eine moderne Haltung im Umgang mit psychischen Erkrankungen – insbesondere mit Suchterkrankungen«, ergänzt Prof. Dr. Andreas Reif, Senior-Autor der Studie und Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Veröffentlicht wurde die Studie im renommierten »The Lancet Regional Health – Europe«. Die Arbeit wurde bereits mit dem Wilhelm-Feuerlein-Forschungspreis für Anwendungs- beziehungsweise klinische Forschung sowie dem Nachwuchspreis der Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie ausgezeichnet. Für Reif ist die internationale Veröffentlichung ein deutliches Signal:

Dass diese Arbeit in der Lancet-Familie publiziert wird, zeigt, wie drängend das Thema weltweit ist. Als Universitätsmedizin Frankfurt setzen wir damit ein Zeichen für eine moderne Haltung im Umgang mit psychischen Erkrankungen – insbesondere mit Suchterkrankungen.«

Nicht mangelnder Wille, sondern strukturelle Ausgrenzung

Trotz gesundheitlicher Probleme nehmen viele Menschen mit Suchterkrankungen keine ärztliche Hilfe in Anspruch – mit oft gravierenden Folgen. Ein Forschungsteam um Dr. Mathias Luderer, Leiter der Suchtmedizin, hat gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Tübingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München erstmals systematisch die Hintergründe untersucht. Der Befund ist eindeutig: Ein Gesundheitssystem, das Betroffene durch Blicke, Sprache und Strukturen stigmatisiert, schreckt sie ab.

Professionelles Stigma als zentrale Barriere

In der Mixed-Methods-Studie werden quantitative Befragungen mit qualitativen Interviews kombiniert. Die Studie zeigt, dass das sogenannte »professionelle Stigma«, also abwertendes Verhalten durch medizinisches Personal, maßgeblich dazu beiträgt, dass Betroffene Notaufnahmen und Arztpraxen meiden oder erst spät eine Behandlung in Anspruch nehmen.

»Unsere Daten zeigen, dass Patient*innen mit Abhängigkeitserkrankungen Klinikflure als Spießrutenlauf empfinden«, erklärt Luderer. »Sie fühlen sich auf ihre Sucht reduziert, schämen sich und befürchten schlechte Erfahrungen – oft zu Recht.«

Die Berichte der Betroffenen legen die Mechanismen offen: Suchterkrankungen werden als moralisches Versagen interpretiert, körperliche Beschwerden bagatellisiert und ein offener Umgang mit der Sucht wird mit Ablehnung quittiert. Zudem zeigte die Studie, dass viele Betroffene die gesellschaftliche Abwertung von Suchterkrankungen verinnerlichen. Dieses sogenannte internalisierte Stigma erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihren Konsum verschweigen, medizinische Hilfe meiden oder begonnene Behandlungen abbrechen.

Authentischer Kontext mit Bestseller-Autorin

Ergänzt wurde die Studie durch die Perspektive der Bestseller-Autorin und Podcasterin Nathalie Stüben (»Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens«), die die Ergebnisse mit eigenen Erfahrungen abglich. Ihr Fazit:

Ich verachtete mich bereits selbst und konnte den Gedanken an Ablehnung durch andere nicht ertragen.«

»Stigmatisierung fühlt sich an wie eine zweite Krankheit. Wenn Angehörige der Gesundheitsberufe das berücksichtigen, ließe sich viel Leid vermeiden.«

Stigmatisierung durch medizinisches Fachpersonal und Verhaltensweisen, die die Versorgung von Menschen mit Substanzkonsumstörungen einschränken: Eine Studie mit gemischten Methoden

Titel: Stigma from healthcare professionals and care-limiting behaviors in individuals with substance use disorders: a mixed-methods study

Autor*innen: Mathias Luderer, Dorothea Stockreiter, Annette Binder, Laura Müller, Franca Burger, Nathalie Stüben, Andreas Reif

Zitierung: Mathias Luderer, Dorothea Stockreiter, Annette Binder, Laura Müller, Franca Burger, Nathalie Stüben, Andreas Reif, Stigma from healthcare professionals and care-limiting behaviors in individuals with substance use disorders: a mixed-methods study, The Lancet Regional Health – Europe, Volume 63, 2026, 101587, ISSN 2666-7762, https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2025.101587.

Quelle: The Lancet Regional Health – Europe

Datum der Veröffentlichung: 12. Januar 2026

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Zusammenfassung

Hintergrund

Die Stigmatisierung von Menschen mit Substanzkonsumstörungen durch medizinisches Fachpersonal ist ein anerkanntes Problem, doch wurden ihre direkten Auswirkungen auf die Behandlungsentscheidungen der Patient*innen bislang nicht systematisch quantifiziert. Ziel der Forscher*innen war es, erstmals fundierte quantitative Kennzahlen zu Verschweigen, Behandlungsvermeidung und Behandlungsabbruch bei medizinischen Behandlungen zu liefern, die direkt auf die Stigmatisierung durch medizinisches Fachpersonal zurückzuführen sind, und die Erfahrungen zu untersuchen, die diesen Verhaltensweisen zugrunde liegen.

Methoden

Die Forscher*innen führten an einem deutschen Universitätsklinikum eine prospektive Mixed-Methods-Studie mit 119 erwachsenen stationären Patient*innen mit Substanzgebrauchsstörungen durch (2021 – 2024). Mithilfe eines eigens entwickelten Fragebogens wurden stigmatisierungsbezogene Verhaltensweisen und deren Zusammenhang mit Selbststigmatisierung erfasst. Die qualitativen Daten wurden mittels reflexiver thematischer Analyse (RTA) ausgewertet. Eine Person mit eigener Betroffenheit war an der Ausarbeitung des Manuskripts beteiligt.

Ergebnisse

49,6 % (95 % KI 40,3 – 58,9; n = 59/119) gaben an, ihren Substanzkonsum nicht offengelegt zu haben, 36,1 % (95 % KI 27,5 – 45,5; n = 43/119) vermieden notwendige medizinische Behandlungen, und 29,4 % (95 % KI 21,4 – 38,5; n = 35/119) brachen die Behandlung aufgrund von Stigmatisierung ab. Internalisierte Stigmatisierung sagte alle drei Ergebnisse signifikant voraus (aORs 1,055 – 1,075, p ≤ 0,001). RTA identifizierte »institutionelles Stigma« (Sucht als »moralisches Versagen«), »Hindernisse bei der Versorgung« (Hürden für eine respektvolle Behandlung) und »Kosten der Offenlegung« (negative Folgen wie Feindseligkeit nach dem Offenlegen des Substanzkonsums).

Interpretation

Die Stigmatisierung durch medizinisches Fachpersonal ist ein messbarer Faktor für den Abbruch der Behandlung, stellt eine direkte Gefahr für die Patientensicherheit dar und trägt maßgeblich zur Behandlungslücke bei Substanzgebrauchsstörungen bei. Diese Erkenntnisse unterstreichen die dringende Notwendigkeit evidenzbasierter Maßnahmen, darunter die Schulung von medizinischem Fachpersonal aller Fachrichtungen in nicht-stigmatisierender Kommunikation, um die Inanspruchnahme medizinischer Versorgung durch diese gefährdete Bevölkerungsgruppe zu verbessern und die erhebliche Behandlungslücke zu verringern.

Bei Alkoholproblemen kommt es auf ein stigmafreies Vokabular an

Mann hält Finger auf roten Dominostein, um das weitere Fallen der aufgereihten Steine zu stoppen

Die Wortwahl mag unter den unzähligen Faktoren, die die Ergebnisse einer komplexen Erkrankung wie der Alkoholkonsumstörung beeinflussen können, fehl am Platz erscheinen. Tatsächlich kann das Stigma, das durch die Sprache, die zur Beschreibung von Alkoholproblemen verwendet wird, entsteht, die Bereitschaft vieler Menschen verringern, Hilfe für Alkoholprobleme zu suchen. Es kann sich auch darauf auswirken, wie Menschen mit Alkoholkonsumstörung in allen Lebensbereichen behandelt werden.

Eine ganzheitliche Sichtweise auf Sucht kann die Stigmatisierung im Zusammenhang mit Substanzabhängigkeit verringern

Illustration im Papierschnitt-Stil: Eine beigefarbene Silhouette meditiert im Lotussitz, wobei ein kleiner grüner Pflanzensetzling aus ihrer Mitte wächst. Zwei große Hände tragen die Figur schützend von unten. Der Hintergrund besteht aus geschichteten, wellenförmigen Papierlagen, die unten blaues Wasser mit Seerosen und oben einen warmen, orange-roten Himmel mit Wolken und herbstlichen Blättern darstellen.

Eine neue Doktorarbeit in Philosophie von Piia Koivumäki (Universität Jyväskylä) untersucht Sucht anhand von Lauri Rauhalas philosophischer Sichtweise des Menschen. In ihrer konzeptionellen Forschung entwickelt Koivumäki ein ganzheitliches Verständnis von Sucht, bei dem Abhängigkeit als körperlich und gelebt angesehen wird und als etwas, das sich über Lebenssituationen und die persönliche Geschichte hinweg herausbildet, nicht nur im Gehirn oder in der »Willenskraft«.

Quellen:

Übersetzt mit www.DeepL.com