
Der Forschungsstand zu Alkoholkonsum und Gesundheit hat sich in den letzten Jahren wesentlich weiterentwickelt. Die Eidgenössische Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN) publiziert zwei Dokumente, welche die aktuelle Evidenz systematisch aufarbeiten und für Fachwelt, Verwaltung und Öffentlichkeit zugänglich machen.
Neue Erkenntnisse zum Zusammenhang von Alkohol und Gesundheit

Der Bericht »Alkohol und Gesundheit: Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse« fasst zentrale Ergebnisse großer epidemiologischer Studien zusammen, die seit 2018 (Publikationsjahr der »Orientierungshilfe zum Alkoholkonsum« der Eidgenössischen Kommission für Alkoholfragen, EKAL) veröffentlicht wurden. Er bestätigt, dass Alkohol als toxische, psychoaktive und abhängigkeitserzeugende Substanz mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Zusammenhang steht. Alkohol verursacht eine erhebliche Krankheitslast und Sterblichkeit. Der aktuelle Forschungsstand zeigt, dass auch der Konsum geringer Mengen Alkohol mit Gesundheitsrisiken, insbesondere mit verschiedenen Krebsarten, verbunden ist. Frühere Annahmen über mögliche gesundheitsfördernde Wirkungen moderaten Alkoholkonsums waren zudem methodisch nicht ausreichend abgesichert.
Das französische Paradoxon wurde jedoch lange Zeit in der Wissenschaft diskutiert und von der Weinlobby ausgiebig genutzt. Die Weinbranche griff wissenschaftliche Ungenauigkeiten auf, um ihre Produkte aufzuwerten und die bekannten Risiken von Alkohol herunterzuspielen. Diese Kommunikationsstrategie, die weltweit und insbesondere in den Vereinigten Staaten weit verbreitet ist, hat dazu beigetragen, die Vorstellung der Vorzüge von Wein im kollektiven Gedächtnis zu verankern, obwohl wissenschaftliche Beweise dagegensprechen«
Alkohol und Gesundheit: Stand der wissenschaftlichen Kenntnisse, Seite 14
Einordnung für Konsumierende: »Weniger ist besser«

Der Umgang mit Alkohol ist eine individuelle Entscheidung. Mit dem Bericht »Alkohol und Gesundheit« stellt die Kommission evidenzbasierte Informationen zur Verfügung, damit diese Entscheidung informiert getroffen werden kann. Das begleitende Dokument »Alkoholkonsum: Weniger ist besser« übersetzt den Forschungsstand in eine Orientierung zum individuellen Umgang mit Alkohol. Auch der regelmäßige Konsum geringer Mengen Alkohol erhöht das Krankheitsrisiko. Für die eigene Gesundheit ist es deshalb am sichersten, keinen Alkohol zu trinken – vor allem in bestimmten Lebensabschnitten. Für alle, die weiterhin Alkohol trinken wollen, gilt: Weniger ist besser.
Damit wird auch mit den bisherigen positiven Mythen um den Alkohol aufgeräumt.«
Marc Peterhans, Geschäftsführer des Blauen Kreuzes Schweiz
Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext
Alkoholkonsum ist in der Schweiz gesellschaftlich verbreitet und kulturell verankert. Die neueste Forschung lässt jedoch keinen Zweifel an den gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Es braucht deshalb eine differenzierte Diskussion über Prävention und Rahmenbedingungen, denn die Verantwortung für den Alkoholkonsum liegt nicht ausschließlich bei den einzelnen Verbraucher*innen.
Ein weiterer Bericht der EKSN erscheint in der zweiten Jahreshälfte 2026. Darin werden die bestehenden strukturellen und gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich Alkohol systematisch dargestellt und im Licht der wissenschaftlichen Erkenntnisse eingeordnet.
Wissenschaft im Gegenwind der Alkohol-Lobby
Im Vorfeld hatte die Alkoholindustrie versucht, die Veröffentlichung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands durch den Bund zu verhindern. Zu diesem Zweck hatte sie eigens die Lobbyorganisation »Gaudium Suisse« formiert. Diese vereint die zentralen Akteure aller Alkoholproduktarten. Für sie stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, nicht die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung.
Zudem wurden im Parlament Studien und Positionspapiere ins Feld geführt, die darauf abzielen, Zweifel am wissenschaftlichen Konsens zu säen. Dazu zählen die irrelevante UNATI-Studie zu Beratungsinhalten sowie Stellungnahmen der American Heart Association und der NASEM. Diese Argumente vermögen jedoch den aktuellen Stand der Forschung nicht grundlegend infrage zu stellen.
Das Vorhaben der Alkoholindustrie ist nun aber gescheitert.
IOGT und Blaues Kreuz reagieren gemeinsam auf politische Angriffe auf eine gesundheitsorientierte Alkoholpolitik

Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge!« – Was die Weltgesundheitsorganisation WHO seit 2023 kommuniziert, basiert auf einer Vielzahl gründlich geprüfter wissenschaftlicher Studien. Die Alkoholindustrie und ihre politischen Verbündeten laufen dagegen Sturm, auch in der Schweiz.
Quellen:
- Medienmitteilung EKSN
- Medienmitteilung Blaues Kreuz Schweiz
