Kinderhände spielen auf einem hellen Holztisch mit verschiedenen Spielzeug-Schildern, darunter ein STOP-Schild und ein Erste-Hilfe-Symbol. Die Aufnahme ist in Schwarz-Weiß gehalten und endet oben in einer gezackten Linie, die Berggipfel symbolisieren.

Die Krankenkassenprämien steigen jährlich und die Politik sucht händeringend nach Lösungen zur Kostensenkung. Der Bereich »Sucht und Substanzkonsum« zeigt jedoch eine paradoxe Situation: Er verursacht großes menschliches Leid und Kosten von jährlich acht Milliarden Franken, wovon ein großer Teil von den Prämienzahlenden getragen wird. Die Prävention könnte die Kosten senken. Warum wird sie also nach wie vor vernachlässigt? Ist es Zeit für einen Kurswechsel?

Das »Schweizer Suchtpanorama 2026« zeigt die Zusammenhänge auf und gibt Empfehlungen für Fachleute und Entscheidungsträger*innen, um Suchtprobleme zu verhindern und zu verringern.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 schätzte die volkswirtschaftlichen Kosten der Sucht in der Schweiz auf rund 8 Milliarden Franken pro Jahr. In dieser Schätzung sind Verluste für die Unternehmen von 3,4 Milliarden Franken und Kosten für das Gesundheitswesen (vor allem Krankheitskosten) von 3,8 Milliarden Franken enthalten. Dies bekommen nicht nur die Kantone (Spitäler beispielsweise, also die Steuerzahlenden), sondern auch die Prämienzahlenden zu spüren, die rund 60 % dieser Gesundheitskosten tragen müssen. Das macht bis zu 1.000 Franken pro vierköpfige Familie im Jahr.

Es sind jedoch nicht nur die Kosten, sondern auch das große Leid zu erwähnen: In der Schweiz sterben jährlich über 10.000 Menschen aufgrund von Suchtmitteln und Hunderttausende sind von Substanzen abhängig.

Trotzdem sind Suchtprobleme in den letzten Jahren politisch in den Hintergrund gedrängt worden:

  • Mit den bereits vor der Finanzkrise des Bundes beschlossenen (und inzwischen teilweise rückgängig gemachten) Kürzungen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) fallen rund 10 % seines Budgets für Suchtprävention und Suchthilfe weg.
  • Dabei fallen auch die starken Kürzungen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung und der Datenerfassung der Suchtbehandlungen auf. Droht ein Blindflug durch die aktuelle und zukünftige Drogenkrisen?
  • Aufgrund der Sparmaßnahmen ist geplant, die bisher bestehende Suchtstrategie in der Strategie für nichtübertragbare Krankheiten aufzulösen, wodurch der Stellenwert der Suchtprävention weiter geschwächt werden könnte.

Die Petition zu Budgetkürzungen zeigte Wirkung

Eine Hand zieht vorsichtig einen Holzklotz aus einem hohen, instabilen Turm aus hellen Holzklötzen (ähnlich einem Jenga-Spiel), der bereits gefährlich schief steht und unten teilweise zusammengebrochen ist. Rechts im Bild steht in großer schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund der Text: 'NEIN zu den Budgetkürzungen im Suchtbereich'. Das Bild dient als Metapher dafür, dass finanzielle Kürzungen das Hilfssystem im Suchtbereich destabilisieren und zum Einsturz bringen könnten.

Die Petition »Nein zu den Budgetkürzungen im Suchtbereich« war erfolgreich! Die Petitionsführer Sucht Schweiz, Fachverband Sucht und GREA nehmen erfreut zur Kenntnis, dass sich der National- und der Ständerat für das Jahr 2026 auf Mehrausgaben für Gesundheitsschutz und Prävention in Höhe von insgesamt 1,5 Millionen Franken einigen konnten. 400.000 Franken davon sollen dem Suchtbereich zugutekommen. Damit wird die Hälfte der geplanten Kürzungen zurückgenommen.

Kurswechsel: Erst in Prävention statt in Schadenbehebung investieren!

Da die Budgets für Suchtprävention auch in den Kantonen unter Druck stehen, wird diese Desinvestition die Folgekosten in die Höhe treiben – und somit auch die Gesundheitskosten für uns alle. Ein Zeichen für das geringe Interesse der Schweiz an der wirtschaftlichen Dimension der Prävention ist, dass die letzte verfügbare Studie zu diesem Thema aus dem Jahr 2009 stammt. Diese schätzte, dass jeder in die Prävention investierte Franken 23 Franken an indirekten Kosten im Bereich Alkohol und sogar 41 Franken im Bereich Tabak einsparen konnte.

Gerade jetzt, wo sich neue Herausforderungen im Suchtbereich ergeben, ist eine vorausschauende Suchtstrategie und die entsprechenden finanziellen Mittel dafür unerlässlich. Kürzungen in diesem Bereich würden bedeuten, die Kontrolle zu verlieren und die Folgen auf die Betroffenen und die gesamte Gesellschaft abzuwälzen. Vor allem wegen der nichtübertragbaren Krankheiten explodieren die Gesundheitskosten weiter. Deshalb führt kein Weg mehr an einer massiven Stärkung der Krankheitsprävention vorbei, statt nur bei den Heilungskosten anzusetzen. Der Public Health Index zeigt, dass die Schweiz diesbezüglich das Schlusslicht Europas darstellt. Offensichtlich gibt es eine Diskrepanz zwischen den Entscheidungsträger*innen – das neueste Maßnahmenpaket erwähnt die Prävention immer noch nicht – und den Wünschen der Bevölkerung, die sich in der Forderung des Bevölkerungsrates 2025 nach mehr Prävention niederschlagen.

Eine wirksame Prävention braucht auch genügend finanzielle Mittel, damit sie effektiv wird – das gilt auch im Suchtbereich. Das Argument, wir könnten uns diese in einer Zeit knapper Bundesmittel nicht leisten, ist falsch, denn Kürzungen bei der Prävention ziehen umso höhere Folgekosten nach sich. Wenn wir sparen wollen, dann müssen wir genau in die Prävention investieren!

Alkoholtrends in der Schweiz

Rückläufige Alkoholverkäufe oder ein Rückgang des täglichen Konsums sind aus Sicht der öffentlichen Gesundheit positive Trends. Doch die nach wie vor breite gesellschaftliche Verankerung von Alkohol zeigt sich in vielerlei Hinsicht: 16 % der Bevölkerung konsumieren Alkohol mit mittlerem oder hohem Risiko für die Gesundheit, sei es chronisch oder episodisch bei bestimmten Gelegenheiten.

Bei einem Viertel aller Alkoholtestkäufe in Läden oder Restaurants wird Jugendlichen noch immer widerrechtlich Alkohol verkauft. Jedes Jahr kommen zudem über 1.700 Kinder mit alkoholbedingten Beeinträchtigungen zur Welt. Jetzt sind mutige Schritte der Politik sowie an die neuesten Forschungsergebnisse angepasste Empfehlungen für einen risikoarmen Konsum gefragt.

In den letzten drei Jahrzehnten ist der tägliche Konsum in den meisten Altersgruppen zurückgegangen. Er tritt jedoch häufiger bei der heute älteren Generation auf: 37 % der Männer ab 75 Jahren trinken täglich Alkohol. Der Alkoholverkauf pro Kopf lag 2024 bei 7,3 Litern reinem Alkohol pro Person der Bevölkerung ab 15 Jahren (2023: 8,0 Liter).

Regelmäßig und bei einer Gelegenheit zu viel Alkohol zu trinken bleibt verbreitet

Alkoholkonsum ohne Risiko gibt es nicht. Für die Gesundheit besonders problematisch sind zwei Formen des Alkoholkonsums: regelmäßig zu viel trinken (chronisch risikoreicher Konsum) oder bei einer Gelegenheit zu viel trinken (Rauschtrinken).

Im Jahr 2022 wiesen 4 % der Bevölkerung einen chronisch risikoreichen Alkoholkonsum auf, wobei sich keine relevanten Unterschiede zwischen den Altersgruppen feststellen lassen. Während der chronisch risikoreiche Konsum tendenziell im Laufe der Jahre abgenommen hat, ist das Rauschtrinken (2022: 15 %) im Vergleich zu 2007 häufiger geworden (Anstieg zwischen 2007 und 2017, seitdem Stagnation). Die Prävalenz des Rauschtrinkens ist in der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen am höchsten.

Gemäß der HBSC-Studie (2022) bleibt das Rauschtrinken bei den 15-Jährigen auf einem vergleichbaren Niveau wie vor vier Jahren (2018): Etwa ein Viertel von ihnen hat in den letzten 30 Tagen mindestens einmal bei einer Gelegenheit fünf oder mehr alkoholische Getränke getrunken.

Fetale Alkoholspektrumstörungen: Sensibilisierung muss intensiviert werden

Laut einer Befragung von Sucht Schweiz hat etwa die Hälfte der teilnehmenden schwangeren Frauen während ihrer Schwangerschaft keinen Alkohol konsumiert. Etwas weniger als die Hälfte hat den Konsum unmittelbar nach der Bestätigung der Schwangerschaft eingestellt und etwa jede zwanzigste Frau hat auch danach Alkohol konsumiert. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Sensibilisierungsarbeit zu den Risiken des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft erfolgreich ist. Sie unterstreichen aber auch die Notwendigkeit, diese Arbeit zu konsolidieren, indem der Schwerpunkt auf die Zeit vor der Bestätigung der Schwangerschaft gelegt wird. In dieser Zeit findet die Botschaft »Kein Alkohol während der Schwangerschaft« nämlich noch viel zu wenig Beachtung.

Die Autor*innen der Studie sprechen sich daher für einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel aus, der den Nichtkonsum bereits ab Beginn eines Schwangerschaftswunsches fördert. Wie eine weitere Untersuchung von Sucht Schweiz zeigt, ist die Botschaft »Kein Alkohol während der Schwangerschaft« im digitalen Raum weit verbreitet. Gleichzeitig finden sich dort aber auch widersprüchliche Angaben oder Diskussionen, die das Thema bagatellisieren. Die untersuchten Websites, Diskussionsforen, Facebook-Gruppen, YouTube-Videos und sozialen Netzwerke ergeben ein sehr heterogenes Bild, das für Ratsuchende verwirrend sein kann.

Alkohol-Testkäufe sind weiterhin nötig

Bei einem Viertel aller Alkoholtestkäufe in Läden und Restaurants in der Schweiz wird Jugendlichen widerrechtlich Alkohol verkauft, im Online-Bereich sogar in den allermeisten Fällen (2024). Die niedrigste Rate an Verstößen wiesen Tankstellenshops mit 19,7 % illegalen Verkäufen auf, gefolgt von Ladenketten, großen Detailhändlern sowie Restaurants und Cafés. Schlechter schnitten Veranstaltungen/Events sowie Bars/Pubs mit 43 % fehlbaren Verkäufen ab. Im digitalen Bereich, sei es im Online-Handel oder beim Self-Checkout, ergeben sich potenziell mehr Risiken, dass der Jugendschutz umgangen wird. Eine Chance könnte hier die im September des letzten Jahres vom Stimmvolk angenommene elektronische Identität (E-ID) sein.

Eine neue Studie von Sucht Schweiz zeigt: Nur wenn der gesetzliche Auftrag durch das Unternehmen ernst genommen wird und das Personal auch mit Technik unterstützt wird, sinken die Fehlverkäufe. Die besten Methoden sind wiederholte Schulungen, interne Testkäufe, klare Abläufe, technische Hilfsmittel und eine einheitliche, intern definierte Altersgrenze von 18 Jahren für alle Alkoholika. Wie eine Studie der Universität Zürich auf der Grundlage spanischer Daten nahelegt, kann die Anhebung des Mindestalters von 16 auf 18 Jahre und die Verschärfung der Verkaufsregeln die kognitive Entwicklung von Jugendlichen fördern.

Ein höheres Mindestalter für Alkoholkonsum verbessert das Lernen und die Psyche

Eine Gruppe fröhlicher Jugendlicher sitzt im Freien zusammen und macht ein Selfie. Alle lächeln und wirken entspannt. Im Hintergrund sind grüne Bäume und Sonnenlicht zu sehen, was eine freundliche, sommerliche Atmosphäre schafft.

Spanische Reformen zeigen, dass Jugendliche weniger Alkohol trinken, wenn das Mindestalter für den Alkoholkonsum erhöht wird. Der rückläufige Konsum führt zugleich zu besseren schulischen Leistungen und einer stabileren psychischen Gesundheit. Diese Erkenntnisse könnten auch für Deutschland relevant sein.

Alkoholpolitische Forderungen

Sucht Schweiz fordert Maßnahmen gegen den Problemkonsum, um Schäden und menschliches Leid zu verhindern oder zu verringern. Dabei bleibt die Umsetzung der Jugendschutzbestimmungen zentral. Im Online-Handel muss ein griffiges System zur Alterskontrolle implementiert werden und es müssen generell die als wirksam anerkannten Methoden angewendet werden. Zu den weiteren Forderungen zählen:

  • Gesundheitswarnungen auf Behältern
    Um dem teils aggressiven Marketing entgegenzuwirken, ist mehr nötig. Warnhinweise auf Flaschen, beispielsweise in Form von Symbolen zu Schwangerschaft, Mindestalter oder Risiken im Straßenverkehr, sind ein wirksames Mittel, um Risiken zu verringern. Erforderlich sind zudem Nährwertkennzeichnungen, wie sie bei Lebensmitteln üblich sind.
  • Vorbeugen ist besser als heilen: Kein Billigalkohol
    Laut einer Studie könnte jeder in die Prävention investierte Franken im Alkoholbereich 23 Franken an indirekten Kosten sparen. Die durch Alkohol verursachten volkswirtschaftlichen Kosten werden nämlich auf jährlich 2,8 Milliarden Franken geschätzt. Um diesen Problemen vorzubeugen, ist ein Mindestpreis für alkoholische Getränke unumgänglich.
  • Beeinträchtigungen beim Kind vorbeugen
    Auch hierzulande kommen zu viele Kinder mit alkoholbedingten Beeinträchtigungen (fetale Alkoholspektrumstörung, FASD) zur Welt. Es gilt, ein gesellschaftliches Umdenken voranzutreiben, das den Nichtkonsum ab dem Zeitpunkt der Zeugung normalisiert. Dabei können das soziale Umfeld und werdende Väter den Konsumverzicht ab Beginn einer geplanten Schwangerschaft maßgeblich unterstützen, wie es die Société Française d’Alcoologie empfiehlt.
    Da FASD oft unerkannt bleibt und unterversorgt ist, benötigen Betroffene eine bessere Begleitung. Dabei sind eine frühzeitige Diagnose und gezielte Unterstützungsangebote von entscheidender Bedeutung.

Schweizer Suchtpanorama 2026

Titelseite Schweizer Suchtpanorama 2026.

Welche aktuellen Konsumtrends gibt es bei Alkohol, Tabak- und Nikotinprodukten, illegalen Drogen und psychoaktiven Medikamenten? Welche Probleme manifestieren sich bei der Nutzung digitaler Medien oder beim Glücks- und Geldspiel? Mit diesen und weiteren Fragen setzt sich das jährlich erscheinende Suchtpanorama auseinander. Es liefert Fakten und Zahlen, stellt Zusammenhänge her und gibt Empfehlungen für politische Maßnahmen.

Sucht Schweiz ist eine unabhängige, gemeinnützige Stiftung, deren Ziel es ist, Probleme im Zusammenhang mit dem Konsum psychoaktiver Substanzen sowie suchtpotentiellen Verhaltensweisen zu verhindern und zu vermindern. Wir entwickeln und verbreiten wissenschaftliche Erkenntnisse und konzipieren zielorientierte Präventionsprojekte. Wir setzen uns für wirksame und gegenüber Betroffenen respektvolle suchtpolitische Maßnahmen ein.

Täglicher Alkoholkonsum geht zurück – das Rauschtrinken nicht

Blick über eine Blumenwiese auf das Matterhorn. Darin eingeblendet die Titelseite des Schweizer Suchtpanoramas 2024.

Nicht erst seit der Corona-Pandemie hat sich die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen insgesamt verschlechtert. Besonders betroffen sind Mädchen und junge Frauen. Gleichzeitig hat die Häufigkeit des Suchtmittelkonsums bei Jugendlichen teils zugenommen, teils verharrt sie auf zu hohem Niveau.

Das Geschäft mit der Sucht

Mehrere übereinanderliegende Broschüren mit dem Titel 'Schweizer Suchtpanorama 2023 – Das Geschäft mit der Sucht', auf dem Cover ist eine Collage aus Schweizer Banknoten und Bergmotiven abgebildet.

Welche Erkenntnisse gibt es über die aktuellen Konsumtrends von Alkohol, Tabak, illegalen Drogen und psychoaktiven Medikamenten in der Schweiz? Welche Probleme zeigen sich beim Gebrauch digitaler Medien oder beim Glücks- und Geldspiel?

Das Schweizer Suchtpanorama 2025 bietet einen Überblick über die neuesten Entwicklungen im Suchtbereich.

Quelle: Medienmitteilung von Sucht Schweiz