Katuaq, das Kulturzentrum in Grönlands Hauptstadt Nuuk: Modernes, dunkel verkleidetes Gebäude mit geschwungener Dachlinie an einer Straße; davor Fahnenmasten, große Steine und im Hintergrund ein rotes Haus unter klarem blauem Himmel.

Das grönländische Parlament, das Inatsisartut, hat eine Debatte darüber geführt, ob das Land eine nationale Alkoholpolitik entwickeln sollte, bei der die Rechte der Kinder als Leitprinzip dienen. Die Debatte, die am 13. Mai 2026 stattfand, wurde von Nivi Rosing von der Partei Inuit Ataqatigiit angeregt und befasste sich mit der Frage, wie Grönland die individuelle Freiheit der Erwachsenen mit dem Schutz der Kinder vor alkoholbedingten Schäden in Einklang bringen sollte.

Der Vorschlag stellte die Diskussion eindeutig in den Rahmen der UN-Kinderrechtskonvention. Darin wurde argumentiert, dass schwierige politische Entscheidungen erforderlich sein könnten, wenn Grönland es ernst damit meint, dass Kinder in einer sicheren Umgebung aufwachsen. Der Vorschlag bezog sich auf Forschungsergebnisse, die einen starken Zusammenhang zwischen Alkoholproblemen im familiären Umfeld und der Gefährdung von Kindern durch Unsicherheit, Gewalt und sexuellen Missbrauch belegen.

In ihrem Vorschlag wies Rosing darauf hin, dass Grönland zwar bereits über mehrere Initiativen zur Bekämpfung alkoholbedingter Schäden verfügt, darunter »Inuuneritta III«, es jedoch nach wie vor an einer umfassenden nationalen Alkoholpolitik mangelt, die klare Leitlinien für Prävention, Regulierung und den Schutz von Kindern vorgibt. In dem Vorschlag wurden die Parteien daher gebeten, Stellung dazu zu nehmen, ob Grönland eine solche Politik entwickeln sollte, ob die Rechte der Kinder deren Leitprinzip sein sollten und wie Kinder und Jugendliche geschützt werden können, ohne dabei die persönliche Freiheit der Erwachsenen zu beeinträchtigen.

Naalakkersuisut, die Regierung Grönlands, reagierte positiv auf die Debatte. In ihrer Antwort erklärte die Regierung, Grönland solle eine nationale Alkoholpolitik entwickeln, und bekundete ihren Wunsch, in Zusammenarbeit mit den anderen Parteien eine nationale Alkoholvereinbarung auszuarbeiten. In der Antwort wurde zudem betont, dass die im Herbst 2025 an das Parlament Inatsisartut weitergeleiteten fachlichen Empfehlungen nicht darauf abzielten, die individuelle Freiheit um ihrer selbst willen einzuschränken, sondern Kinder, Jugendliche und künftige Generationen unter dem Gesichtspunkt der öffentlichen Gesundheit zu schützen.

Die Debatte folgt auf die Veröffentlichung fachlicher Empfehlungen für eine mehrjährige, evidenzbasierte Alkoholpolitik. Naalakkersuisut gab im Oktober 2025 bekannt, dass diese Empfehlungen die Grundlage für eine breite politische Vereinbarung zum Thema Alkohol und eine langfristige, nachhaltige Alkoholpolitik bilden sollen. Die Empfehlungen wurden nach einem Beschluss des Inatsisartut aus dem Jahr 2023 erarbeitet und in Zusammenarbeit mit dem Center for Folkesundhed i Grønland und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Region Europa erstellt.

Laut Naalakkersuisut basieren die Empfehlungen auf den grönländischen Gegebenheiten und Werten, stützen sich aber auch auf die Empfehlungen der WHO für eine evidenzbasierte und kosteneffiziente Alkoholpolitik. Sie konzentrieren sich insbesondere darauf, Kinder davor zu schützen, in Familien aufzuwachsen, die von Suchtproblemen, Gewalt und Missbrauch betroffen sind, und dazu beizutragen, den Kreislauf der sozialen Vererbung zu durchbrechen. Naalakkersuisut hat erklärt, dass die empfohlene Politik Vorteile wie eine höhere Lebenserwartung, weniger Gewalt, weniger Suizide und ein besseres Wohlbefinden bei Kindern und Jugendlichen mit sich bringen könnte.

Aus den Stellungnahmen der Parteien ging hervor, dass weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass Kinder geschützt werden müssen, doch zeigten sich auch unterschiedliche Ansichten darüber, wie weit die Alkoholregulierung gehen sollte. Inuit Ataqatigiit forderte eine langfristige Alkoholpolitik, hinter der die Parteien auch über Wahlzyklen hinaus stehen können. Siumut sprach sich für eine umfassende nationale Politik aus, bei der die Bedürfnisse und Rechte der Kinder im Mittelpunkt stehen, und betonte gleichzeitig die Bedeutung von Prävention, Behandlung, Familienunterstützung und landesweit zugänglicher Hilfe.

Die Demokraten befürworteten den Grundsatz, dass Kinder an erster Stelle stehen müssen, warnten jedoch vor unnötigen Einschränkungen, die sich auf Erwachsene auswirken könnten, die verantwortungsbewusst mit Alkohol umgehen. Die Partei sprach sich für eine gezielte und evidenzbasierte Politik aus, die frühzeitige Intervention, bessere Behandlungsmöglichkeiten und klarere Verantwortlichkeiten vorsieht, wenn Alkohol zu Vernachlässigung, Gewalt oder Unsicherheit im häuslichen Umfeld führt. Auch Atassut unterstützte den Kinderschutz, legte jedoch größeren Wert auf den Dialog und warnte davor, dass höhere Preise vor allem Menschen mit geringerem Einkommen treffen könnten, ohne das Verhalten von Verbraucher*innen mit Alkoholkonsumstörungen zwangsläufig zu ändern.

Die Debatte fand zu einer Zeit statt, als die Verfügbarkeit von Alkohol in Grönland bereits ein Thema von öffentlichem Interesse war. Ab Anfang Mai änderten Brugseni und Pisiffik versuchsweise die Verkaufszeiten für Alkohol an Samstagen und verkauften Alkohol erst ab Mittag. Nach Angaben des grönländischen Rundfunksenders KNR erfolgte die Änderung in Zusammenarbeit mit der grönländischen Polizei und zielte darauf ab, Weiterverkauf, Störungen, Unsicherheit und Lärm zu verhindern.

UNICEF Grönland forderte zudem kurz vor der Parlamentsdebatte eine nationale Alkoholpolitik. In einem Interview mit KNR erklärte die Programmleiterin von UNICEF in Grönland, Tina Dam, dass das Recht der Kinder auf Schutz Vorrang vor dem Zugang von Erwachsenen zu Alkohol haben müsse. UNICEF erklärte, dass Kinder und Jugendliche wiederholt von Angst und Unberechenbarkeit berichtet hätten, wenn Erwachsene zu viel Alkohol trinken, und forderte Maßnahmen, die Kinder vor betrunkenen Erwachsenen schützen, sichere alkoholfreie Gemeinschaften schaffen und die Unterstützung für Familien stärken, die von Alkoholproblemen betroffen sind.

Die breite Unterstützung für eine nationale Alkoholpolitik ist ein wichtiger Schritt. Die schwierigere Frage wird sein, ob diese politische Einigung auch zu konkreten Maßnahmen in den Bereichen Verfügbarkeit, Vermarktung, Preisgestaltung, Prävention, Behandlung und frühzeitige Unterstützung für Kinder und Familien führen kann.

Grönland will den Umgang mit Alkohol neu regeln

Das zweigeschossige, langgestreckte Gebäude mit Wellblechdach beherbergt das grönländische Parlament - Inatsisartut - in Nuuk.
Das grönländische Parlament – Inatsisartut – in Nuuk

Das Gesundheitsministerium hat in Zusammenarbeit mit dem Center for Public Health in Grönland und dem Regionalbüro für Europa der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein mehrjähriges Projekt zur Entwicklung von Empfehlungen für eine evidenzbasierte Alkoholpolitik initiiert.

Grönland: Expertenempfehlungen für künftige Alkoholpolitik

Bunte Häuser auf der Insel Uummannaq, Grönland. Im Hintergrund ist eine Gletscherlandschaft zu sehen. Uummannaq liegt 590 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Die Regierung Grönlands hat dem grönländischen Parlament gerade Expertenempfehlungen für eine mehrjährige, evidenzbasierte Alkoholpolitik vorgelegt. Die Empfehlungen sollen die Grundlage für eine breite politische Einigung über die Alkoholpolitik bilden, die den Rahmen für die weitere Arbeit an einer langfristigen und nachhaltigen Alkoholpolitik schaffen kann.