
Für Elena Torrell, eine Nachwuchswissenschaftlerin im Bereich der öffentlichen Gesundheit, war die Frage, was Alkohol die Gesellschaft wirklich kostet, der Ausgangspunkt einer Studie, die das Ausmaß der wirtschaftlichen Auswirkungen des Alkoholkonsums aufzeigen sollte.
Im Rahmen ihrer Masterarbeit in Barcelona stellte sie Schätzungen zu den sozialen und finanziellen Kosten des Alkoholkonsums in Katalonien an und veranschaulichte damit, wie die nächste Generation von Wissenschaftler*innen zu Erkenntnissen beiträgt, die in die Gesundheitspolitik einfließen können.
In unserer Studie schätzten wir, dass sich die gesamten durch den Alkoholkonsum bedingten gesellschaftlichen Kosten in der Region Katalonien auf rund 555 Millionen Euro pro Jahr belaufen«, erklärt Elena. »Und das wäre eine konservative Schätzung der tatsächlichen Gesamtkosten.«
Die Analyse untersuchte sowohl direkte Kosten, wie beispielsweise alkoholbedingte Krankenhausaufenthalte, als auch indirekte Kosten, zu denen unter anderem Produktivitätsverluste aufgrund von Krankheit, vorzeitigem Tod oder Arbeitsausfällen zählen.
Forschung, die in die politische Praxis eingebettet ist
Elena führte ihre Forschungsarbeit in Zusammenarbeit mit der Unterdirektion für Suchterkrankungen, HIV, sexuell übertragbare Infektionen und Virushepatitis im Gesundheitsministerium der Regierung Kataloniens durch. Im Rahmen ihrer Masterarbeit arbeitete sie mehrere Tage pro Woche mit Epidemiolog*innen und Politikexpert*innen zusammen, um Indikatoren, Datenquellen und analytische Ansätze zu erörtern.
Um ein umfassendes Bild der alkoholbedingten Schäden in der Gesellschaft zu erstellen, waren routinemäßige Gesundheitsdaten und Forschungsdatensätze erforderlich.
Solche Studien sind für politische Entscheidungsträger*innen ein wichtiges Instrument. Durch die Quantifizierung der wirtschaftlichen Auswirkungen helfen sie Regierungen, die gesamte gesellschaftliche Belastung durch den Alkoholkonsum zu erfassen, und ermöglichen fundiertere politische Entscheidungen.
Wie Luisa Maria Conejos Ara, stellvertretende Direktorin für Suchterkrankungen, HIV, sexuell übertragbare Infektionen und Virushepatitis, erklärt, helfen Studien zu den wirtschaftlichen Kosten Entscheidungsträger*innen dabei, die weiterreichenden Auswirkungen von Alkohol über die reinen Gesundheitsindikatoren hinaus zu erkennen.
»Es ist ein sehr wichtiges Instrument, um politische Maßnahmen zu beurteilen und die besten Optionen zur Bewältigung eines bestimmten Problems auszuwählen«, erklärt sie.
Es ermöglicht uns, die Auswirkungen jenseits von Morbidität und Mortalität zu erkennen.«
Luisa Maria Conejos Ara
Ein Kooperationszentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Forschung und Politik unterstützt
Elena hat mit einem Team zusammengearbeitet, das Teil der Unterdirektion ist. Diese wurde 2023 in Barcelona zum WHO-Kooperationszentrum für Substanzmissbrauch, nichtübertragbare Krankheiten und politische Wirkung ernannt.
Das Zentrum verfügt über mehr als 35 Jahre Erfahrung in der Suchtforschung und ‑politik und unterstützt die WHO, indem es Forschungskapazitäten stärkt, Fachkräfte ausbildet und wissenschaftliche Erkenntnisse in die gesundheitspolitische Praxis umsetzt.
Ein wesentlicher Teil der Arbeit des Zentrums besteht in der Unterstützung und Betreuung von Nachwuchswissenschaftler*innen. Im Rahmen von Partnerschaften mit Universitäten betreut das Zentrum Master- und Doktorarbeiten und nimmt junge Wissenschaftler*innen auf, die im Zuge ihrer Ausbildung für einen bestimmten Zeitraum mit den Teams des Zentrums zusammenarbeiten.
»Wir brauchen eine neue Generation von Fachkräften, die neue Methoden, neue Perspektiven und neue Kriterien einbringen«, erklärt Lidia Segura, die Elenas Betreuerin in der Unterdirektion war. »Für uns ist es unerlässlich, junge Wissenschaftler*innen zu unterstützen, die diese Arbeit in Zukunft fortsetzen werden.«
Wir brauchen eine neue Generation von Fachkräften, die neue Methoden, neue Perspektiven und neue Kriterien einbringen.«
Lidia Seguara
Elenas Erfahrung spiegelt diesen Ansatz wider. Obwohl sie ursprünglich nicht aus dem Bereich der öffentlichen Gesundheit kam, konnte sie sich schnell an die Anforderungen des Projekts anpassen, während sie eng mit erfahrenen Wissenschaftler*innen zusammenarbeitete.
»Es war wirklich eine herausfordernde Aufgabe, all diese Datenquellen zu organisieren, aber ich mochte es sehr, immer wieder über das Naheliegende hinaus zu denken und Fleiß mit Kreativität zu verbinden«, erzählt sie.
Vernetzung von Forschungsnetzwerken in ganz Europa
Das Engagement des Zentrums für die Förderung junger Wissenschaftler*innen spiegelte sich auch in der von der WHO/Europa und dem Zentrum organisierten Konferenz zur Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Politik über die Auswirkungen von Konzepten zur Steuerung des Alkoholkonsums im Jahr 2023 wider.
Bei der Veranstaltung kamen Wissenschaftler*innen, politische Entscheidungsträger*innen und Expert*innen für öffentliche Gesundheit aus der gesamten Europäischen Region der WHO zusammen, um neue Erkenntnisse, darunter die Kennzeichnung von Alkoholprodukten sowie Vorsorgemaßnahmen und Kurzinterventionen, zu erörtern.
Eine besondere Rolle spielten dabei Nachwuchswissenschaftler*innen: Sie stellten die Ergebnisse ihrer Projekte vor und trugen über das Netzwerk für Nachwuchsforscher*innen des Projekts »Evidence into Action Alcohol Project« (EVID-ACTION), das gemeinsam von WHO und Europäischer Union durchgeführt wird, zu den Diskussionen bei.
Die nächste Generation im Dienste der Wissenschaft
Diese Erfahrung hat Elena noch einmal verdeutlicht: Forschung kann dazu beitragen, die Kluft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Politik zu überbrücken.
In Zukunft möchte ich dazu beitragen, die Daten und Erkenntnisse bereitzustellen, die politische Entscheidungsträger*innen benötigen, um Veränderungen umzusetzen.«
Elena Torrell
Elena zeigt in ihrer Arbeit, wie wichtig es ist, in junge Wissenschaftler*innen zu investieren und die Evidenzbasis für Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu stärken.
»Die Bewältigung komplexer gesundheitspolitischer Herausforderungen – von alkoholbedingten Schäden bis hin zu anderen nichtübertragbaren Krankheiten – erfordert solide, sich ständig weiterentwickelnde Evidenz«, erklärt Dr. Carina Ferreira-Borges, Regionalbeauftragte für Alkohol bei WHO/Europa.
Deshalb ist es so wichtig, in Nachwuchswissenschaftler*innen zu investieren. Sie bringen neue Perspektiven, methodische Innovationen und die Fähigkeit mit, sich auf sich rasch verändernde Umfelder einzustellen. Die Stärkung dieser neuen Generation von Wissenschaftler*innen ist unerlässlich, um sicherzustellen, dass politische Maßnahmen reaktionsfähig, relevant und wissenschaftlich fundiert bleiben.«
Dr. Carina Ferreira-Borges, WHO
Im Einklang mit dem diesjährigen Motto des Weltgesundheitstages »Gemeinsam für mehr Gesundheit – auf der Grundlage der Wissenschaft« zeigt die Erfahrung des WHO-Kooperationszentrums in Barcelona, wie eine generationsübergreifende Zusammenarbeit die Evidenzbasis für die Bewältigung großer Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Gesundheit – einschließlich alkoholbedingter Schäden – stärken kann.
WHO Europa lanciert EVID-ACTION

Acht der zehn Länder mit dem weltweit höchsten Alkoholkonsum liegen in der Europäischen Union (EU), die dafür einen sehr hohen Preis in Form von alkoholbedingten Verletzungen, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen nicht übertragbaren Krankheiten zahlt.
Jedes Jahr sterben in der EU fast 300.000 Menschen an den Folgen des Alkohols. Trotzdem erhalten viele Menschen keinen Zugang zu genauen und vertrauenswürdigen Informationen über Alkohol und seine Auswirkungen auf die Gesundheit von Einzelnen, Familien und Gemeinwesen sowie auf die unseres Planeten.
Das WHO-Regionalbüro für Europa startet das Evidence into Action Alcohol Project (EVID-ACTION), um wissenschaftliche Erkenntnisse zur Förderung und Unterstützung der Umsetzung wirksamer Alkoholpolitik in den Ländern der EU, Island, Norwegen und der Ukraine zu nutzen.
WHO Europa startet Kampagne »Redefine Alcohol« mit Schwerpunkt auf versteckten Risiken wie Krebs

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Europa hat eine neue Kampagne mit dem Titel »Redefine Alcohol« (Alkohol neu definieren) gestartet, die vom 2. Oktober bis zum 30. November 2024 laufen wird.
Quelle: WHO Europa
