
Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann beim ungeborenen Kind zu irreversiblen Schädigungen führen. In Deutschland sind etwa 800.000 Menschen von fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) betroffen. Anlässlich des »Internationalen FASD-Tags« am 9. September weisen zahlreiche Verbände und Einrichtungen in Deutschland darauf hin, dass eine bessere Versorgung und mehr Beratung dringend benötigt werden, damit diese Behinderung nicht länger unsichtbar bleibt und stigmatisiert wird.
Trinken Frauen während der Schwangerschaft Alkohol, kann dies zu Schädigungen des zentralen Nervensystems und des Gehirns beim Kind führen. Auch körperliche Einschränkungen sind möglich. Obwohl etwa 800.000 Menschen in Deutschland an FASD leiden, davon rund 130.000 Kinder, sind Diagnostik, Beratung und Unterstützung noch längst nicht flächendeckend gewährleistet.
Wer glaubt, das eine Glas wird schon nicht schaden, der liegt falsch. Jeder Schluck ist zu viel.«
Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Jena
»FASD ist ein sehr vielfältiges Krankheitsbild. Neben körperlichen Auffälligkeiten können neurologische und psychische Beeinträchtigungen auftreten, die den Alltag der betroffenen Kinder und Erwachsenen oft ein Leben lang prägen. Das Spektrum reicht dabei von vergleichsweise leichten Einschränkungen bis zu erheblichen Beeinträchtigungen«, erklärt Prof. Dr. Ekkehard Schleußner, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Jena (UKJ).
Warum schon geringe Mengen Alkohol gefährlich sind
In Deutschland dürfen als »alkoholfrei« bezeichnete Getränke bis zu 0,5 Volumenprozent Restalkohol enthalten, ohne dass dies auf dem Etikett angegeben werden muss. Dies betrifft beispielsweise alkoholfreies Bier, Malzbier sowie alkoholfreien Wein und Sekt. Für Schwangere kann die Bezeichnung »alkoholfrei« jedoch irreführend sein, da sie nicht automatisch bedeutet, dass gar kein Alkohol enthalten ist.
Der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V. (BVF) betont deshalb anlässlich des Internationalen FASD-Tags am 9. September 2026: In der Schwangerschaft gilt nur ein Wert als sicher, nämlich null Promille.
In der Schwangerschaft ist das besonders relevant, da bereits geringe Mengen Alkohol über die Plazenta direkt zum Fötus gelangen können. Dieser ist dem Zellgift schutzlos ausgeliefert. Die noch nicht entwickelte Leber des ungeborenen Kindes kann den Alkohol nicht abbauen, sodass er im Körper des Kindes verbleibt und die Entwicklung von Gehirn, Organen und Nervensystem dauerhaft schädigen kann. Diese Schäden werden als fetale Alkoholspektrumstörungen (FASD) bezeichnet. Das Argument, dass in als alkoholfrei deklariertem Bier, Wein oder Sekt nur eine sehr geringe Menge Alkohol vorkommt, ist nicht valide, da es medizinisch keine sicher definierte, risikolose Alkoholmenge in der Schwangerschaft gibt.
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grenzwert für unbedenklichen Alkoholkonsum. Zum Schutz des ungeborenen Kindes sollten Schwangere keinen Alkohol zu sich nehmen. Das gilt für Alkohol in jeder Form, in jeder Dosierung und zu jeder Zeit der Schwangerschaft«, erklärt Frauenärztin und Perinatologin Priv.-Doz. Dr. med. Manuela Tavares de Sousa, Expertin für Perinatalmedizin beim BVF.
FASD als Folge von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft
Noch immer kommen jedes Jahr Tausende Kinder mit alkoholbedingten Schädigungen zur Welt, obwohl diese zu 100 Prozent vermeidbar wären. Studien zeigen, dass Alkoholkonsum während der Schwangerschaft auch in Deutschland weiterhin vorkommt. Je nach Erhebungsmethode und Definition schwanken die ermittelten Anteile zwischen rund 14 und knapp 28 Prozent. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Und das, obwohl Alkohol als Zell- und Nervengift nahezu alle Organsysteme beeinflusst. Er erhöht das Risiko für Leberschäden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen und psychische Störungen. Bereits geringe Mengen können die Reaktionsfähigkeit, Impulskontrolle und geistige Leistungsfähigkeit einschränken.
FASD ist zu 100 Prozent vermeidbar. Voraussetzung dafür ist eine vollständige alkoholfreie Lebensweise während der Schwangerschaft und Stillzeit.«
Dr. Cornelia Hösemann, BVF
Betroffene Kinder leiden häufig unter Lernproblemen, Konzentrationsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Erkrankungen, was sich negativ auf den Schulalltag, das Sozialleben und die Lebensqualität auswirkt. Doch auch außerhalb einer klinischen FASD-Diagnose kann Alkohol in der Schwangerschaft zahlreiche weitere Schäden verursachen:
- Erhöhtes Risiko für Fehl- oder Frühgeburten
- Herzfehler, Nierenanomalien, Wachstumsstörungen
- Stillprobleme und Entwicklungsverzögerungen im Säuglingsalter
- Epigenetische Veränderungen, die den kindlichen Stoffwechsel langfristig beeinflussen können
Sozialverband SoVD fordert mehr Hilfe
Obwohl schätzungsweise 800.000 Menschen, darunter rund 130.000 Kinder, in Deutschland von FASD betroffen sind, sind Diagnostik, Beratung und Unterstützung noch längst nicht flächendeckend gewährleistet. »Das größte Problem ist, dass es für Niedersachsen gar keine verlässlichen Zahlen gibt. Wir wissen also nicht, ob alle richtig versorgt werden«, kritisiert Dirk Swinke, der Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD) in Niedersachsen. Gleichzeitig seien spezialisierte FASD-Beratungsstellen und insbesondere Diagnostikzentren stark nachgefragt. »Der erste Schritt muss deshalb sein, den Unterstützungsbedarf systematisch zu erfassen und dann die Strukturen entsprechend auszubauen«, fordert Swinke.
Zudem müsse es eine spezialisierte ärztliche Versorgung für die Betroffenen geben. »Dass diese bislang nicht ausreichend vorhanden ist, hängt auch mit der Stigmatisierung von FASD zusammen«, erläutert der Vorstandsvorsitzende. Da es sich bei FASD um eine unsichtbare Behinderung handelt, werden die tatsächlichen Auswirkungen oft falsch eingeschätzt. »FASD-Erkrankte können erhebliche Probleme haben, ihren Alltag zu organisieren, selbstständig zu leben und zu arbeiten. Hier ist viel mehr Hilfe notwendig. Betroffene müssen ernst genommen und individuell unterstützt werden«, so Swinke. Dies sei besonders für Pflegefamilien von großer Bedeutung, da rund 23 Prozent der Pflegekinder von FASD betroffen sind.
Warnhinweise einführen
Die Initiative »Kinder ohne Alkohol und Nikotin« stellt fest, dass die Gefahren des Alkoholkonsums in Deutschland in der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekannt gemacht werden. Um das ungeborene Leben davor zu schützen, fordert sie die Einführung großer, gut sichtbarer gesundheitsbezogener Warnhinweise für alle alkoholhaltigen Produkte.
Falls es der Alkoholindustrie nicht wie in diesem Jahr wieder gelingt, den Termin zu verschieben, wird Irland 2028 als erstes EU-Land obligatorische Warnhinweise einführen..

Gesetzlich vorgeschriebener Warnhinweise in Irland mit Nährwertangaben, Schwangeren-Symbol und den Texten 'Alkoholkonsum führt zu Lebererkrankungen', 'Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und tödlichen Krebserkrankungen' sowie 'Besuchen Sie www.askaboutalcohol.ie'.
Wenn dies nicht gesetzlich geregelt wird und Warnhinweise der Freiwilligkeit der Alkoholindustrie überlassen werden, wie es in Deutschland der Fall ist, sehen die Warnhinweise bestenfalls so aus:

Beispiel für wenig wirksame Warnhinweise: Können Sie sie erkennen?
In Deutschland hat die Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung (ÄGGF) das Piktogramm einer informierten und selbstbestimmten Schwangeren entwickelt, das sich besser für entsprechende Warnhinweise eignet als das oben verwendete, auf dem die Schwangere – und nicht etwa das Getränk – durchgestrichen ist.

Mindestens solch ein Warnhinweis gehört auf die Vorderseite jeder Flasche Alkohol
Logo © www.aeggf.de und www.fasd-netz.de.
Aus Seattle von der FASD United Resource Tagung habe ich die Erkenntnis mitgebracht, dass nicht nur der mütterliche Alkoholkonsum Auswirkungen auf die Nachkommen hat, sondern auch der väterliche. Es braucht eine Gesundheitsoffensive, die sich mit unserer Haltung zum Alkohol auseinandersetzt. Solange Alkohol Kulturgut ist, solange werden Kinder mit FASD geboren werden«, sagt Kathleen Kunath, Leitung der FASD-Beratungsstelle beim evangelischen Verein Sonnenhof e. V. in Berlin.
Irlands Warnhinweise sollten in ganz Europa erscheinen

Mehrere Wirtschaftsexpert*innen des Centrums für Europäische Politik (cep) sprechen sich für europaweit einheitliche Warnhinweise auf Alkoholflaschen aus. Ein EU-weites Label für Alkoholwarnungen sei »der vernünftigste Ansatz«, heißt es in einem Positionspapier, über das die Funke Mediengruppe berichtet. Verfasst haben es die Ökonom*innen Andrea De Petris, Nathalja Nolen und Victor Warhem von den cep-Standorten Rom, Freiburg und Paris.
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Irland verschiebt Gesundheitswarnungen auf Alkohol bis 2028

Die European Alcohol Policy Alliance (Eurocare) ist enttäuscht darüber, dass die irische Regierung beschlossen hat, die Einführung obligatorischer Gesundheitswarnungen auf Alkoholflaschen bis 2028 zu verschieben. Diese Entscheidung ist ein Rückschlag für die öffentliche Gesundheit. Doch es ist noch nicht vorbei und erst recht nicht das Ende des Kampfes.
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Quellen:
- Pressemitteilung Uniklinikum Jena
- Pressemeldung Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V. (BVF)
- Pressemitteilung Sozialverband (SoVD) Landesverband Niedersachsen
- Pressemitteilung Bezirksamt Spandau von Berlin
- Forderungen der Initiative Kinder ohne Alkohol und Nikotin
