
Die Teilhabe-Botschafter*innen beim Suchtkongress 2026 in Hamburg
Hin zu der Selbstverständlichkeit: Suchtselbsthilfe gestaltet Suchthilfe mit«, sagte Angelika Schels-Bernards beim 25jährigen Jubiläum des Fachausschusses Suchtselbsthilfe (FAS NRW). Die Vorsitzende des Arbeitsausschusses Drogen und Sucht der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege NRW fügte hinzu: »Wir müssen weg von der Vorstellung: Wir beteiligen die Suchtselbsthilfe, lassen sie partizipieren. Denn wer jemanden partizipieren lässt, verfügt offensichtlich auch über die Möglichkeit, es nicht zu tun. Das ist noch nicht Augenhöhe.«
Seit einigen Jahren engagieren sich auch die Veranstalter*innen des Deutschen Suchtkongresses, diesem Ziel näher zu kommen. Dieses Jahr in Hamburg schufen sie die Möglichkeit für Begegnungen auf Augenhöhe durch die Einladung von »Teilhabe-Botschafter*innen« und luden zu einem Teilhabe-Forum mit Infoständen in der Mittagspause ins Essenszelt ein.
Ort und Zeitpunkt dieses Forums wirkten auf den berichtenden Zaungast zwar wie das Platznehmen am Kindertisch bei Opas Siebzigstem, aber so konnte immerhin eine Begegnung auf Magenhöhe stattfinden. In zehn Jahren werden wir über diese holprigen Startbemühungen bei der Integration von Menschen mit Suchterfahrungen wohl gemeinsam lachen können.
Teilhabe heißt, mitzugestalten
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Teilhabe als »das Einbezogensein in eine Lebenssituation«. Im Rahmen dieses bio-psycho-sozialen Verständnisses wird Gesundheit als gesellschaftliche Aufgabe gesehen, die über die Linderung von Symptomen oder Beschwerden hinausgeht. Teilhabe ist das übergeordnete Ziel und sollte daher auch im Mittelpunkt der Versorgung und Forschung stehen. Sei es bei der Diskussion wissenschaftlicher Neuerungen, der Prävention, der Schadensminimierung oder der Planung und Umsetzung geeigneter Behandlungsstrategien: Das kann nur gelingen, wenn sich alle Beteiligten auf Augenhöhe begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Die WHO betont, dass Menschen mit eigener Erfahrung in gesundheitlichen und psychosozialen Herausforderungen nicht nur gehört, sondern auch sinnvoll und aktiv in Entscheidungen, Angebote und Entwicklungsschritte einbezogen werden sollen. Teilhabe bedeutet, Erfahrung als Expertise anzuerkennen und Mitgestaltung zu ermöglichen. Nur so können inklusive, wirksame und gerechte Unterstützungssysteme entstehen.

Sucht betrifft die ganze Familie – echte Teilhabe gelingt erst, wenn auch Angehörige gesehen, gehört und unterstützt werden.«
Astrid Hahnenstein, Guttempler in Deutschland
Daher wurde beim Deutschen Suchtkongress 2026 der Schwerpunkt »Teilhabe« gesetzt. So wurden Menschen mit Suchterfahrung nicht nur als Adressat*innen von Versorgung, Forschung oder Politik gesehen, sondern ihre Perspektiven wurden sichtbar gemacht und als wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung des Feldes verstanden. Denn tragfähige Antworten auf Fragen rund um (Substanz-)Konsumstörungen entstehen besonders dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse, fachliche Expertise und gelebte Erfahrung zusammenkommen. Mit ihrer Testimonial-Kampagne machten die Organisator*innen diese Perspektiven sichtbar. Die Stimmen der Beteiligten zeigen, was Teilhabe im Kontext von (Substanz-)Konsumstörungen konkret bedeuten kann: gehört werden, mitgestalten, Barrieren abbauen, Zugänge schaffen und die Gesellschaft auf Augenhöhe mitprägen.

Teilhabe heißt für mich: gesehen, gehört und ernst genommen werden. Nicht nur dabei sein, sondern mitgestalten. Menschen mit Suchterfahrung sind Erfahrungs-Expert*innen.«
Norbert Wiegand, FAS NRW
Themen der Teilhabe-Boschafter*innen gelangten auch ins Kongressprogramm. So berichtete Fabian Weihrauch über seine mehrjährigen Erfahrungen in der Suchtprävention mit Auszubildenden, Im Symposium »Suchtselbsthilfe fördert Teilhabe«, das von Peter Raiser, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) moderiert wurde, referierte Frederike Fernández Álvarez vom Fachverband Drogen- und Suchthilfe über die seit 2023 bestehende Kooperation zwischen der Suchtselbsthilfe in Thüringen und der Fachhochschule in Erfurt mit dem Ziel, Studierende frühzeitig für die wertvolle Arbeit der Sucht-Selbsthilfe zu sensibilisieren.
Claudia Huhmann von der kürzlich gegründeten Freien Suchtselbsthilfe (DfS) stellte deren Ziel eines selbsthilfeorientierten Gruppentrainings-Konzepts vor, das Betroffenen der verschiedensten stofflichen und nicht stofflichen Abhängigkeitserkrankungen die Wahlfreiheit lässt, ihre eigenen Konsumentscheidungen zu treffen, und individuelle Ziele selbst zu bestimmen.
Thorsten Schuler von den Guttemplern in Deutschland stellte die SoberGuides als neues Angebot der Suchtselbsthilfe vor. Dabei handelt es sich um ein bundesweites, anonymes und kostenfreies Peer-to-Peer-Angebot, bei dem Menschen mit eigener Suchterfahrung Betroffene und Angehörige niedrigschwellig unterstützen. Mithilfe persönlicher Profile können passende Ansprechpartner*innen ausgewählt und unkompliziert kontaktiert werden. Die Erfahrungen zeigen, dass diese Peer-Beratung Hemmschwellen abbaut und den Zugang zum professionellen Hilfesystem erleichtert. Gleichzeitig bietet sie eine alltagsnahe Begleitung und kann vor, während und nach einer Therapie zur Stabilisierung und Rückfallprophylaxe beitragen.
»Von Isolation zur Teilhabe: Die Anonymen Alkoholiker als Motor sozialer Integration bei Suchterkrankungen« lautete der Titel eins weiteren Symposiumss der Suchtselbsthilfe.
Der Recovery Walk 2025: Ergebnisse der begleitenden Evaluation
Klaus Becker von Recovery Deutschland präsentierte erste Ergebnisse einer standardisierte Onlinebefragung, die im Anschluss an den ersten Recovery Walk in Leipzig (27.09.2025) durchgeführt wurde. Erfasst wurden soziodemografische Merkmale, Bezug zu Abhängigkeit und Recovery sowie die Bewertung des Walks und die wahrgenommene Resonanz auf die Veranstaltung.
Die Teilnehmer*innen waren im Mittel 47 Jahre alt, überwiegend weiblich (73 %) und größtenteils selbst von substanzgebundener Abhängigkeit betroffen (86 %). Unter allen befragten Personen wurde die Zugehörigkeit zur Recovery-Community als hoch eingeschätzt. Personen, die am Walk teilgenommen hatten, bewerteten den Recovery Walk insgesamt sehr positiv. Besonders hoch waren die Zustimmungswerte zur positiven Darstellung von Recovery sowie zur wahrgenommenen Botschaft, dass Recovery möglich ist. Zudem wurde ein gesteigertes Verständnis für Menschen mit Suchterfahrungen berichtet und die Möglichkeiten zum Austausch positiv bewertet. Demgegenüber wurden die Möglichkeiten Kontakte aufzubauen und Vorurteile abzubauen als moderat eingeschätzt.

Elke Lenz (Hessen) und Jürgen Plückhahn (Hamburg) am Infostand der Guttempler
Suchtselbsthilfe gestaltet Suchthilfe mit

Beim Festakt zum 25-jährigen Bestehen des FAS NRW diskutierten Björn Peterburs (JES NRW) und Ingo Häfner (Kreuzbund DV Essen) mit Moderator Bernd Hoeber unter anderem über persönliche Wege, Drogenhilfe und unterschiedliche Zugänge zu Unterstützung und Selbsthilfe. Foto: Ludolf Dahmen
Am 11. September haben rund 170 Gäste aus Suchtselbsthilfe, professioneller Suchthilfe, Politik und Gesundheitswesen im Landtag Nordrhein-Westfalen das 25-jährige Bestehen des Fachausschusses Suchtselbsthilfe (FAS NRW) gefeiert. Unter dem Motto »Brücken bauen für mehr Teilhabe und Akzeptanz« stand dabei nicht nur die Rückschau auf die vergangenen 25 Jahre im Mittelpunkt, sondern vor allem die zukünftige Rolle der Suchtselbsthilfe.
Der nüchterne Hamster rennt nicht schneller – er verlässt das Rad

Gemeinsam ein Zeichen für mehr Sichtbarkeit und Teilhabe suchtkranker Menschen setzen und die Stigmatisierung bekämpfen: Genau das war das Ziel des Recovery Walks, der am 12. September 2026 erstmals in Düsseldorf stattfand. Nach der Deutschlandpremiere im vergangenen Jahr in Leipzig waren in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt rund 500 Menschen zusammengekommen, die gemeinsam auf die Straße gingen.
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Quellen:
- Deutscher Suchtkongress
- Fotos: Frank Lindemann
